Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Oder das Weiteste – je nach Sichtweise. Denn während man als südbadischer Schlachtenbummler anlässlich der letzten Auswärtsreise in der Saison 2024/2025 die längste Tour auf der diesjährigen Bundesliga-Landkarte ins gut 850 Kilometer entfernte Kiel zu absolvieren hatte, hoben sich die hier beheimateten Störche in ihrer Premierensaison im Oberhaus das Duell mit dem Sport-Club Freiburg und somit zweifelsfrei den attraktivsten Kontrahenten der Liga für das 17. und letzte Heimspiel auf.

Ja, es war dann auch schon wieder Mitte Mai und demnach die Phase des Jahres, in der im mitteleuropäischen Fußball auch bei den letzten sportlichen Entscheidungen Tatsachen geschaffen werden. Dass hierbei der Gedanke an einen fairen Wettkampf mehr und mehr wirtschaftlichen Interessen gewichen ist, ist inzwischen auch in Deutschland traurige Realität, wo in den ersten drei Profiligen nun schon seit fünf Spielzeiten die Begegnungen des vorletzten Spieltags nicht mehr ausnahmslos zeitgleich angepfiffen werden. Die Gier der Verbände, aus der TV-Vermarktung noch ein paar mehr Groschen abzuschöpfen, macht letztlich leider auch vor der Aushöhlung eines ausgeglichenen Wettbewerbs nicht Halt und wird dem/der Stadiongänger/in zum Verhängnis. Statt Planungssicherheit hing man ob dem Abstecher von der Dreisam an die Ostseeküste bis Ende März in der Luft und es durfte doch aufgeatmet werden, als klar war, dass uns die DFL diesen dankenswerterweise an einem Samstag bescherte. Bei den Reiseplanungen für den Trip ans andere Ende der Bundesrepublik fiel die Entscheidung aus Zeit- und Kostengründen schnell zugunsten des Zugfernverkehrs aus, wenngleich dieser bei Ausflügen im Verbund der Gruppe bzw. Szene für gewöhnlich immer eine unliebsame Überraschung bereithält und daher stets mit einem gewissen Risiko behaftet ist.

Auf dem Hinweg, im Verlauf welchem auch kein Umstieg vollzogen werden musste und man sich die Zeit unter anderem mit einem eigens organisierten Beer-Tasting vertrieb, konnte jedoch nicht geklagt werden und so trudelten wir pünktlich in die nördlichste Großstadt Deutschlands ein. Für das Absolvieren der letzten Etappe zog man es vor, sich nach langer Bahnfahrt dann noch die Beine zu vertreten und das etwas außerhalb situierte Holstein-Stadion per pedes anzusteuern. Was die lokale Staatsmacht, die unliebsamer Weise Teil des Stadtspaziergangs war, dazu veranlasste, den Marsch auf den dämlichen Ausdruck „Fan-Walk“ zu taufen, konnte nur gemutmaßt werden. Möglicherweise ein internationaler Wink mit dem Zaunpfahl für die angereisten Sport-Club-Ultras unweit der Grenze zu Dänemark? Wer weiß. Auf der Tabelle jedenfalls rangierten sich die Kieler Sportvereinigung Holstein und der SCF zum Saisonfinale in entgegengesetzten Himmelsrichtungen ein und Letztgenannten trennte tatsächlich nur noch ein einziger Dreier von der sicheren Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb. Im tabellarischen Keller hingegen hatte der 58. Bundesliga-Teilnehmer zwei Spieltage vor Schluss die Chance auf den Klassenerhalt nicht mehr in der eigenen Hand, konnte aber durch die maximale Punktausbeute aus den jüngsten beiden Spielen neuen Mut im Abstiegskampf schöpfen. Als dankbar ließ sich die letzte Aufgabe auf fremdem Grün für Weiß und Rot also sicherlich nicht beschreiben.

Dass sich unser geliebter Sport-Club auch bei dieser, wie bei jeder in der Ferne zu bestreitenden Herausforderung, einer bedingungslosen Unterstützung abseits des Platzes gewiss sein konnte, unterstrich eine im Gästeblock gezeigte Schalchoreo unter dem dazugehörigen Motto „Forza Sport-Club Freiburg e.V.“ samt rot-weißen Schwenkfahnen. Wenn sich „Forza“ (italienisch für Kraft/Stärke) im Zusammenhang mit dem von CRL auf die Beine gestellten Intro mit in etwa so viel wie „Auf geht’s“ übersetzen lässt, dann waren es zunächst eher die Gastgeber, die sich diesen Ausruf zu Herzen nahmen. Näherte sich der Deutsche Meister von 1912 dem von Atubolu gehüteten Gehäuse zunächst per Versuch aus der zweiten Reihe sowie Kopfball aus kurzer Distanz an, gerieten die Kicker mit dem Greif auf der Brust zur Mitte des ersten Abschnitts im Anschluss an eine schnelle Umschaltbewegung nicht unbedingt aus heiterem Himmel ins Hintertreffen. Bitter, dass diese unmittelbar zuvor beinahe selbst hätten jubeln dürfen – Ginter traf artistisch jedoch nur den Querbalken. Doch der Lattenkracher schien der Weckruf für den SCF zu sein, welcher fortan in der Lage war, den auf dem Papier bestehenden Vorteil von individuell höherer fußballerischer Klasse auch auf den Platz zu bringen. Nach einem weiteren Alutreffer und einer Rettungstat auf der Linie setzte dann Manzambi mit dem verdienten Ausgleich per Abstauber den Schlusspunkt einer turbulenten ersten Hälfte, in der wir als Gruppe anhand eines Spruchbands auch nochmals auf den eingangs erwähnten Missstand hinsichtlich der Zerstückelung des vorletzten Spieltages aufmerksam machten: „Wettbewerbsverzerrung stoppen – 33. Spieltag ausschließlich Samstag, 15:30 Uhr!“

Die Zwischenstände jener Partien, die immerhin ebenso zur besten Fußballzeit über die Bühne gingen, lasen sich zum Pausentee durch die Freiburger Brille in Teilen durchaus ansprechend, wenngleich nach einer guten Stunde sowieso nicht mehr auf die Konkurrenz geachtet werden musste. Höler nickte eine Flanke von Grifo zum 1:2 ein und stieß somit das Tor zum Europapokal weit auf. Aber so nah das internationale Geschäft nun war, so fern erschien es doch auf einmal mit Blick auf die Spielwiese. Denn anstatt durch den gedrehten Spielstand mit breiter Brust aufzutreten, agierten die Herrschaften aus dem Breisgau wie aus dem Nichts extrem passivund überließen das weitere Geschehen quasi komplett dem Gegner. Dieser war bei live eingerechneten vier Zählern Abstand zum Relegationsrang – die Führung der dort platzierten Heidenheimer bei Union Berlin hatte im Stadion die Runde gemacht – logischerweise gezwungen, die Angriffsbemühungen zu intensivieren. Dabei riefen die Hausherren allerdings bei allem Respekt wohlgemerkt auch nicht ein derartiges Pensum ab, welches es dem Sport-Club verunmöglichte, selbst nochmal offensive Akzente zu setzen. Immerhin präsentierte sich die Gästekurve in guter Verfassung, in welcher sich nach hier und da nicht immer glänzender Liedauswahl auch akustisch gesteigert werden konnte und das Europapokalfieber insbesondere in den Schlussminuten des Spiels zusehends um sich schlug. Nachdem dann schließlich zum Ende hin enorm zähe 98 Minuten überstanden waren, war es amtlich: Freiburg spielt zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren international! Einfach nur surreal und im ersten Ausbruch der Emotionen konnte auch manch einer im Block das Pippi in den Augen vor Freude nicht zurückhalten. Doch Tränen flossen auch auf der gegenüberliegenden Seite, da für den ersten BundesligistenSchleswig-Holsteins mit der knappen Niederlage und dem Triumph Heidenheims im Parallelspiel die direkte Rückkehr ins Unterhaus nach der Debutsaison in der Beletage feststand. Ereilte auch den Sport-Club schon vier Mal in der Vereinshistorie das schmerzhafte Schicksal des Bundesligaabstiegs, zuletzt vor zehn Jahren, zollten die weiß-roten Jungs der niedergeschlagenen Holstein-Delegation Respekt beim Drehen der Ehrenrunde im Stadion und auch die aus dem Süden des Landes angereiste Anhängerschaft hielt sich währenddessen mit der Jubelarie über den Europapokaleinzug zurück. Vereinzelte Nasen meinten es damit aber wohl ein bisschen zu gut und stimmten in die „Holstein Kiel“-Chöre der heimischen Ränge ein, woraufhin berechtigterweise auch die Vorsänger mit klaren Worten über die Megafone reagierten. Richtig so. Wenn sich Spieler eines Vereins unser aller Stimmgewalt verdient haben, dann sind es ausschließlich jene, die das Trikot des SC Freiburg tragen und vor denen man am frühen Abend des 10. Mai 2025 für eine überragende Leistung über die zurückliegenden 33 Ligaspielehinweg nur den Hut ziehen konnte. Entsprechend ausgelassen ging es bei den leicht verzögert gestarteten Feierlichkeiten mit der Mannschaft zu, bei welchen auch das altbekannte „Wir sind total international“ Banner sowie Pyroelemente zum Einsatz kamen. Momente für die Ewigkeit, die man noch eine ganze Weile hätte auskosten können, wenn da nicht der Zeitdruck aufgrund der ICE-Rückfahrt gewesen wäre. Somit ging es mit Verlassen des Stadions auf direktem Wege in die schon bereitstehenden Shuttle-Busse, die einen zurück an den Hauptbahnhof beförderten. Dort konnte – man glaubt es kaum – tatsächlich mal von der Paradedisziplin der Deutschen Bahn profitiert werden, denn letztlich war es auch der verspäteten Abfahrt unseres Zuges zu verdanken, dass niemand am Bahnsteig zurückgelassen werden musste.

So konnte vollzählig mit den ersten Kaltgetränken des Abends angestoßen werden, die beim Blick auf die Tabelle gleich noch besser mundeten. Da sich ein sächsischer Marketingableger des Brauseimperiums aus dem österreichischen Fuschl am See im Verlauf des Nachmittages mit einem Remis begnügen musste, konnte uns Platz 5 und folglich die Europa League nicht mehr genommen werden. Doch damit nicht genug: Mit Schützenhilfe aus Leverkusen war sogar der Einzug in die Champions League am Folgetag auf dem Sofa möglich. Nicht, dass das Erreichen sportlicher Erfolge auf diesem Wege eine präferierte Option darstellt, aber der Traum von der erstmaligen Teilnahme an der Königsklasse hob doch sicher einmal mehr die Gemütslage, die man sich auch durch den Umstand, dass der Zug immer mal wieder ungeplant zum Stehen kam, nicht verderben ließ. Planmäßig musste sowieso über anderthalb Stunden in Frankfurt auf den Anschluss nach Freiburg gewartet werden und so war man doch über jede Minute froh, die die Wartezeit im Hessischen verkürzen sollte. Auch in kulinarischer Hinsicht gab es schon bald gute Neuigkeiten zu vermelden, ließ sich doch tatsächlich ein Imbiss ausfindig machen, der bereit war, Pizzen und Biernachschub an ein Gleis des Kölner Hauptbahnhofs zu liefern. Doch es wäre ja nicht eine ICE-Tour, wenn uns nicht schon wieder höhere Gewalt Steine in den Weg gelegt hätte. Diesmal in Form einer Bruchlandung in Duisburg. Der Lokführer hatte aufgrund der sich inzwischen doch aufsummierten Verzögerungen im Streckenverlauf die Höchstdauer der maximal erlaubten Arbeitszeit erreicht und Ersatzpersonal zum Schichtwechsel war erst einmal nicht anwesend. Scherzte man zunächst noch über die Absurditäten der Bahngesellschaft, stand mit zunehmendem Stillstand der Umstieg in Frankfurt doch ernsthaft auf der Kippe und es musste mit Erschrecken festgestellt werden, dass im äußersten Falle der nächste Zug aus dem Ruhrpott gen Südbaden erst gegen 9:00 Uhr morgens ins Rollen kommen sollte. Doch nach gut einer starken halben Stunde konnte aufgeatmet und die Fahrt fortgesetzt werden. Mit Ankunft in Köln kehrte dann auch wieder unsere Glückssträhne zurück, denn auch von einer Verspätung von circa einer Stunde sowie einer gefühlten Telefonstandleitung an den Steinofen ließ sich der Bote unserer auf Höhe Bremen getätigten Bestellung nicht abbringen, welcher tatsächlich warme Pizzen und zwei Kästen Hopfensprudel durch die Tür unseres Abteils reichte. An dieser Stelle sei hierfür nochmals ein herzliches Dankeschön ausgesprochen. Bestens gestärkt erreichte man gegen 2:30 Uhr Frankfurt, wo die Umsteigezeit auf zehn Minuten geschrumpft war und der IC in Richtung Freiburg bereits zum Einsteigen bereitstand. Kaum in einem der Vierersitze gemütlich gemacht, mussten die meisten Köpfe der Reisegruppe doch den Strapazen der zurückliegenden Stunden Rechnung tragen und öffneten die Augen erst wieder mit Ankunft im schönen Breisgau. Im Morgengrauen des angebrochenen Sonntages stapfte dann jeder wieder seines eigenen Weges, um sich in den heimischen Federn aufs Ohr zu hauen und von kommenden europäischen Abenteuern zu träumen.

Wie inzwischen bekannt, scheiterte die erstmalige Teilnahme des SC Freiburg an der Champions League zum einen durch den sonntäglichen Dortmunder Auswärtserfolg in Leverkusen sowie an der eigenen Niederlage eine Woche darauf im Kräftemessen mit der auf Platz drei postierten Eintracht aus Frankfurt. Keine Frage, der Umstand, dass die Königsklasse wie 2013 mit einem Sieg auf heimischen Rasen im direkten Duell mit einem Tabellennachbarnaus eigener Kraft hätte erreicht werden können, löste innerhalb der gesamten Fanszene eine gewaltige Euphorie aus und so wäre es gelogen, unmittelbar nach Abpfiff des letzten Saisonpflichtspielseine erste Enttäuschung abzustreiten. Die wesentlich größere Lüge wäre jedoch, die Behauptung aufzustellen, dass eine derartige Ausgangslage für den 34. Spieltag erwartet werden durfte oder gar eingeplant werden konnte. Mit der Entscheidung, die sportliche Verantwortung nach Ende der Ära Christian Streichs an Julian Schuster zu übergeben, gingen die SC-Verantwortlichen sicher kein kleines Risiko ein, verfolgten damit jedoch klar die Sport-Club-DNA. Dass diese auch für den im Verein unbestritten hoch angesehenen Ex-Capitano, der in seiner Rolle als Trainerneuling in Bezug auf Spielphilosophie und persönlichem Auftreten sicher einen anderen Kurs als Streich fährt, stets an oberster Stelle stand, unterstreicht die fortlaufend gesunde Einordnung des individuellen sowie mannschaftlichen Leistungsstandes. Die langfristige Arbeit auf bodenständiger Basis stand für den Coach im Vordergrund und nicht ein ergebnisabhängig formulierter Anspruch an das Erreichen eines definierten Tabellenplatzes. Ruft man sich die Worte des im vergangenen Sommer verabschiedeten langjährigen Co-Trainers Patrick Baier in Erinnerung, der an die realistische Erwartungshaltung von all jenen Personen, die es mit Weiß und Rot halten, appellierte, dann gibt es keinen Zweifel daran, dass die Qualifikation zur Europa League für den Sport-Club Freiburg e.V. ein absolutes Privileg darstellt und wir voller Stolz auf das blicken können, was uns in der Spielzeit 2025/2026 erwarten wird.

Nächstes Jahr in Istanbul oder in Kiel ist scheißegal, denn Freiburg ist genial!

Daten & Fakten:

Begegnung: Kieler Sportverein Holstein von 1900 e.V. – Sport-Club Freiburg e.V. 1:2 (1:1)
Wettbewerb: Bundesliga – 33. Spieltag
Wann und Wo: Samstag, 10. Mai 2025, Holstein-Stadion Kiel
Zuschauerzahl:  15.034, davon etwa 1.700 SC-Fans
Den Greif auf der Brust trugen: Atubolu– Rosenfelder (75. Kübler), Ginter, Lienhart, Makengo – Eggestein, Osterhage – Doan (90+6. Höfler), Manzambi (46.. Hölet), Grifo (76. Günter) – Adamu (90+.6. Sildillia)
Tore: 1:0 Rosenboom (24.), 1:1 Manzambi (45+2.), 1:2 Höler (58.)